Spott-Spot

Ein Text für 2,32 €

Dienstag, 5. Januar 2010

Klar, dass im Informationszeitalter der Bedarf an Textern ständig steigt.
Das spiegelt sich auch in der Flut an Job-Angeboten wider, die dem Werbetexter im Internet begegnen. Zum Beispiel dieses hier. Achtung, O-Ton:

“Hallo wir sind eine junge aufstrebende Agentur, die Texter suchen, die Lust haben zu schreiben.

Texter, die Lust haben zu schreiben?
Das wäre doch vielleicht etwas für den Werbetexter, der gespannt weiter liest:

“Derzeit können wir zwischen 0, 7 und 1 Cent netto pro Wort bezahlen. Manchmal auch mehr, aber das ist derzeit eher die Seltenheit. Meist bewegt es sich zwischen 0, 8 und 1 Cent. Es brauchen sich keine Texter zu bewerben, denen das zu wenig ist. Anfang des Jahres starten wir wieder mit verschiedenen Projekten…”

So klingen Drohungen.
Das bedeutet, ein Text mit tausend Worten würde dem Texter ca. 8 € einbringen.

Ein Claim durchschnittlicher Länge würde den Autor um stolze 3,2 Cent reicher machen.

So irre diese Job-Offerte auch ist, wirft sie doch ein Licht auf die Werbe-Subkultur des Internet.

Liebe junge, aufstrebende “Agentur”,
in der echten Werbung werden Texter nicht pro Wort bezahlt, sondern nach Zeitaufwand bzw. nach Stundensätzen. Auch sind einige wenige treffende, spannende, zielgerichtete Worte viel mehr wert als große Textmengen. Deshalb macht eine Bezahlung pro Wort überhaupt keinen Sinn.

Was Ihr sucht, sind eben auch keine Texter, sondern nur irgendwelche Internetseitenvollschreiblemuren, die nebenbei “Tierfilme” drehen und zweimal im Monat Blut spenden gehen müssen.

Das Problem: Der ahnungslose Unternehmer, der auf Euch reinfällt, wird unweigerlich am Stammtisch gescheiterter Existenzen enden und über einem Glas Wein aus dem Tetrapack Sätze raunen wie: “Ich hatte sogar mal eine Agentur…”

Stimmt natürlich nicht. Er hatte nie eine Agentur. Sondern nur eine “Agentur”.

(Dieser Text würde nach Euerem Vergütungsmodell ca. 2,32 € kosten. Verwendet ihn gerne nach Lust und Laune und schämt Euch was!)

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3 Responses to “Ein Text für 2,32 €”

  1. Arne W. Says:

    “Aufstrebende Agentur” oder doch eher Massencontentproduziererhaltung? Das klingt nach Fließbandarbeit wie in Chaplins “Modernen Zeiten” – das Wort als Indikator zur Erfüllung der Quote. Ich freue mich schon auf das nächste Mal Stellenanzeigenlesen. Danke für diese düsteren Einsichten. (Kosten für diesen Kommentar: ca. 0,32 € – netto immerhin)

  2. wilfried salus bienek Says:

    Ein ähnliches Angebot, veröffentlicht auf texter.de, hat mich davon abgehalten, mich im Zusammenhang mit dieser Website zu präsentieren. Zu dem Honorar arbeiten nicht mal Inder, höchstens deren Kinder.

  3. Karolu Kalasilut Says:

    Wie wahr! Leider tummeln sich gerade im Kreativumfeld solche halbseidenen Gestalten. Und die werden dann auch noch böse, wenn man ihnen vorrechnet, wie wenig sie bereit sind zu zahlen. Alles schon erlebt.

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